Mittwoch, 4. August 2010

Zum Todestag von Hans Christian Andersen

Die Armut und Entbehrung, die Hans Christian Andersen in "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" beschreibt, kennt er aus eigener Erfahrung: Sein Vater ist ein armer Schuhmacher, seine Mutter eine Wäscherin, die später im Armenhaus stirbt, die Tante führt ein Bordell - die Verhältnisse, in die Andersen am 2. April 1805 in Odense hineingeboren wird, lassen nicht gerade auf eine schillernde Karriere hoffen.

Die armseligen Verhältnisse seiner Kindheit liefern Andersen später Motive für viele seiner Märchen und den oftmals schlechten Ausgang seiner Geschichten. Zunächst entfachen sie in dem Jungen aber den Wunsch, der Armut zu entkommen und Karriere zu machen. Bücher ziehen ihn magisch an, und noch stärker die Welt des Theaters. Denn Odense auf der dänischen Insel Fünen ist damals zwar noch klein, verfügt aber doch über ein Schauspielhaus. Mit 14 Jahren fasst Andersen einen folgenschweren Entschluss: Er kehrt seiner Heimatstadt den Rücken und geht nach Kopenhagen. Dort will er sich am Königlichen Theater als Sänger, Tänzer und Schauspieler einen Namen machen.

Andersens Versuche, am Theater Karriere zu machen, scheitern zunächst. Doch er findet in dem hohen Beamten Jonas Collin einen Gönner, der für Andersen eine Art zweiter Vater wird und mit dessen Familie er sein Leben lang verbunden bleibt. Andersen besucht die Lateinschule, erhält Privatunterricht und studiert. Bereits in seiner Schulzeit fängt er an zu schreiben. Einen ersten Erfolg feiert er mit dem Gedicht "Das sterbende Kind".

Bis 1835 macht er sich durch Gedichte, Theaterstücke, zwei Romane und seine ersten "Märchen, erzählt für Kinder" in Europa einen Namen. Nur seine Landsleute versagen ihm zunächst die Anerkennung: Seine Märchen werden von Kritikern als "schädlich" und "unverantwortlich" bezeichnet. Erst Jahre später erkennen auch die Dänen Andersens Werke an. Dabei sind es besonders die Märchen, die seinen Weltruhm begründen. Sie machen ihn zum gefeierten Künstler, der vom dänischen König mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet wird.

Im Frühjahr 1831 - der 25-jährige Andersen hat gerade seine ersten Werke veröffentlicht - hält es der junge Dichter nicht mehr aus in seiner dänischen Heimat: "Ich bin in dieser Welt ein elender Schwächling geworden und fast zu sentimental; das ist verkehrt, und das beste Mittel dagegen ist sicher zu reisen!" So schreibt er einem Freund und bricht zu einer längeren Reise durch Deutschland auf. Sie ist der Beginn einer langen und intensiven Reiseleidenschaft, der er ab 1838 mit der finanziellen Sicherheit einer Dichterförderung des dänischen Königs intensiv nachgeht. Andersen bereist gut 30 Länder, darunter England, Italien, Frankreich und die Türkei, saugt die neuen Eindrücke auf und verarbeitet sie in seinen Werken.

Andersens Charakter steckt voller Widersprüche. So wird er mal als freundlich und liebenswert, mal als beinahe krankhaft eitel, mal als schreckhaft und gequält von Ängsten beschrieben. Besonders rätselhaft erscheint bis heute sein Verhältnis zur Liebe und zur Sexualität. Er fühlt sich zu Frauen und Männern gleichermaßen hingezogen und verliebt sich auch mehrfach, allerdings in Menschen, die für ihn unerreichbar bleiben sollen. Seine Liebe wird nicht erwidert, weder von Edward Collin, dem Sohn seines Förderers Jonas Collin, noch von Riborg Voigt, die einen anderen Mann heiratet, noch von der Opernsängerin Jenny Lind. Sein ganzes Leben lang hat er keine feste Beziehung, er bleibt allein. Der Journalist und Andersen-Biograf Jens Andersen glaubt, dass sein berühmter Namensvetter bis zu seinem Tod niemals Sex hatte. Ein Grund dafür sei Andersens religiöse Erziehung und seine Angst gewesen, die Sünde, mit jemandem zu schlafen, werde ihn aus dem Paradies der Unschuld und seines Lebens als Künstler vertreiben.

Als Andersen am 4. August 1875 in Kopenhagen an Leberkrebs stirbt, hat er insgesamt gut 160 Märchen geschrieben. Fast in aller Welt wachsen bis heute Kinder mit Andersens Märchen auf. Sie wurden in über 120 Sprachen übersetzt. Märchen wie "Die Prinzessin auf der Erbse", "Des Kaisers neue Kleider" oder "Däumelinchen" sind europäisches Gemeingut geworden. Andersen-Biograf Jens Andersen erklärte den Erfolg seines Namensvetters in der "Kulturzeit" auf 3sat so: "Eine Ebene der Märchen ist für Kinder gedacht, und eine zweite, vielleicht anspruchsvollere, für ihre Väter und Mütter. Er wollte Geschichten für beide erzählen. Und dazu kommt vielleicht eine Stimme, die man "die dritte Person" nennen kann - sie richtet sich an das Kind in uns. Wir lesen seine Märchen, weil wir dieser deutlichen, so schönen, einsamen und sehr phantasievollen Stimme zuhören können, die direkt zu dem Kind in uns Erwachsenen und Heranwachsenden spricht."

(Autor: Christoph Teves)

Donnerstag, 15. April 2010

Carl Malchin



Carl Malchin war ein deutscher Restaurator und Landschaftsmaler, der hauptsächlich ländliche und mecklenburgirsche Motive und Stadtansichten malte.


Winter in Mecklenburg

Er wurde am 14. Mai 1838 als Sohn eines Senators geboren. Nach dem Besuch der Realschule in Rostock, absolvierte er in Schwaan eine Lehre zum Geodäten. Sein Berufswunsch war Schiffbauer, doch seine körperliche Verfassung ließ dies nicht zu. Nach Abschluss der Lehrzeit arbeitete er noch drei Jahre als Gehilfe bei seinem Lehrherrn. Bereits in dieser Zeit lernte er in Schwaan die zur damaligen dortigen Künstlerkolonie gehörenden Maler Otto Dörr und Eduard Ehrke kennen, die vermutlich Malchins Lust auf das Malen weckten.

1860 bis 1862 war Malchin am Polytechnikum in München eingeschrieben, um Vorlesungen in Geodäsie und Ingenieurwissenschaften zu hören. Lieber besuchte er aber die Künstlerateliers und lernte so den Landschaftsmaler Adolf Heinrich Lier kennen. Dieser vermittelte den Studenten an Julius Noerr, ebenfalls ein bekannter Landschaftsmaler seiner Zeit, bei dem er Unterricht erhielt. Die Malerei nahm ihn immer mehr ein, doch er beendete pflichtgemäß seine Ausbildung als Vermesser und nach einer Praktikumszeit in Rostock legte er auch das Ingenieursexamen ab.

Aus finanziellen Gründen arbeitete Malchin als Großherzoglich-mecklenburgischer Kammeringenieur im Vermessungsamt in Schwerin und betätigte sich in seiner Freizeit intensiv mit der Malerei.

1866 heiratete er Johanna Busch, die Tochter des Gutspächters von Toitenwinkel bei Rostock, und 1867 wurde sein Sohn Friedrich geboren.

Bereits seine 1871 bis 1872 entstandenen Gemälde, zumeist mit ländlichen Motiven, zeigen eine gute Beobachtungsgabe, eine saubere Strichführung und treffende Auswahl des Bildausschnitts, wie das Bild „Dorfstraße in Dierkow“. In malerisch hervorragender Qualität hielt Malchin im Bild „Bauerndiele“ das ländliche Milieu fest.


Winterlandschaft mit Eisläufern

Trotz des Stipendiums war Malchin ständig in Geldsorgen, seine Bilder verkauften sich noch nicht gut und so musste er mehrfach Bittbriefe nach Schwerin schicken und um vorfristige Geldüberweisung nachsuchen. Außerdem bot er seine Bilder regelmäßig dem Großherzog zum Kauf an, und der Hof kaufte einige Gemälde, wenn auch oft unter Wert.

Malchin nahm deshalb nach seinem Studium 1879 die angebotene Stelle als Restaurator der herzoglichen Gemäldesammlung an. Der Vertrag dazu war großzügig gestaltet und ließ ihm reichlich Raum für eigene Malerei und Urlaub. Dafür nahm er seine Aufgabe bei der Restaurierung, Sichtung und Ordnung der Gemälde sehr ernst.


Die Bilder von Malchin erregten in mecklenburger Kunstkreisen Aufmerksamkeit, so dass der Hofmaler Theodor Schloepke beim Großherzog Freidrich Franz II.
vorstellig wurde, um eine Förderung des jungen Malers zu erreichen. Der Großherzog bewilligte ein Stipendium, eine monatliche Beihilfe und die Beurlaubung vom Dienst für das Studium an der 1860 vom Naturalisten Stanilaus von Kalckreuth gegründeten Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule Weimar, welches Malchin im Herbst 1873 begann. Er zog mit Frau und Sohn nach Weimar.

Großen Einfluss auf Malchin hatte mit seinem Realismus sein Lehrer und damaliger Direktor der Schule Theodor Hagen. Auch Albert Brendel gehörte zu seinen Lehrern. Beide Maler prägten wegen ihrer gleichen Auffassung mit den Vorstellungen Malchins dessen Stil.

1874 unternahm er eine Reise an die Mosel.
1881 malte Malchin in Boltenhagen, 1882 reiste er nach Wustrow und Ahrenshoop

Hafen Wustrow mit Wäscherinnen

Die Gegend um Ahrenshoop scheint ihn künstlerisch angeregt zu haben, denn es finden sich zahlreiche Bilder und Skizzen davon in seinem Werk.

1890 verlieh ihm Großherzog Friedrich Franz III. den Professorentitel. Ab 1903 lebte Malchin in dem damals am Stadtrand liegenden Dorf Osdorf, heute ein Stadtteil von Schwerin. Motive aus dem Ort Osdorf finden sich reichlich im späteren Schaffen.

Alte Kate auf der Düne

1915 wurde Carl Malchin pensioniert. Er bat um eine bereits vorher versprochene Gesamtausstellung, die wegen des Ersten Weltkrieges nicht stattfinden konnte. Aber auch nach dem Krieg wurde diese nicht durchgeführt. Erst nach dem Tod des Künstlers am 23. Januar 1923 gab es eine Ausstellung, die so zur „Gedächtnisausstellung“ wurde.

Freitag, 12. März 2010

Anton Pawlowitsch Tschechow


Anton Pawlowitsch Tschechow war ein bedeutender russischer Schriftsteller und Dramaturg.

Tschechow war ein genialer Erzähler. Als ausgezeichneter Menschenkenner, hatte er ein besonderes Talent dafür, humorvoll ernste Dinge des Lebens zu beschreiben und war ein Meister des Unausgesprochen. Mit seinen Kurzgeschichten bringt er die Leser heute noch zum Lachen, und seine seriösen Erzählungen animieren zum Nachdenken über die Rolle des Menschen in dieser Welt.

Lebenslustig und witzig, hatte Tschechow einen scharfen Sinn für Humor und konnte große Gesellschaften mühelos unterhalten. Und gleichzeitig war er einsam und ernst. Er glaubte, dass nur jemand, der viel und hart arbeitet und so für das Wohl anderer sorgt, ein anständiger Mensch sein kann.

Auf der Bühne schafft Tschechow eine sehr emotionale spannende Stimmung, die eine kommende Veränderung vorahnen lässt. Es gibt nicht viel "Action". Die Spannung wird hauptsächlich durch Dialoge und Emotionen der Charaktere erzeugt.

Anton Tschechow wurde am 29. Januar 1860 in Taganrog geboren. Zusammen mit fünf Geschwistern wuchs er in der Familie eines Kaufmanns auf und genoss eine strenge, aber sehr gute Erziehung. Wegen schlecht laufender Geschäfte war die Familie jedoch gezwungen Taganrog zu verlassen, zog nach Moskau und lebte dort eine Weile in sehr ärmlichen Verhältnissen.

1879 begann Tschechow ein Studium an der medizinischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, das er mit dem Schreiben von komischen Kurzgeschichten und der Veröffentlichung in diversen Zeitschriften finanzieren konnte. Nach dem Studium war er als Arzt in Woskresensk (heute Stadt Istra) tätig, arbeitete in einem Krankenhaus und schrieb fleißig weiter.

Seit 1886 veröffentlichte Tschechow regelmäßig seine Kurzgeschichten in der renommierten Zeitung "Nowoje Wremja" und wurde immer populärer. Die Resonanz auf seine 1886/1887 veröffentlichen Sammelwerke "Bunte Erzählungen", "Unschuldige Gespräche" und "In der Dämmerung" war sehr positiv. Ermutigt durch Unterstützung bekannter Literaturkritiker und Autoren, widmete sichTschechow immer mehr dem Schreiben und betrachtete es nicht mehr als Nebenverdienst, sondern als seine Berufung.

Da er sich schon als Kind für das Theater interessiert hatte, schrieb er nun auch Bühnenstücke. 1887 spielte ein beliebtes Moskauer Theater zum ersten Mal sein Drama "Iwanow". Zwar war Resonanz auf die Aufführung gespalten, im Kern jedoch eher positiv. Jedenfalls redete man über den jungen Autor und seine innovativen Ideen.

Ein wichtiger Meilenstein im Leben von Anton Tschechow war seine Reise auf die Insel Sachalin im Jahre 1890. In diese finstere Gegend Russlands wurden Sträflinge und politische Gefangene verbannt. Während seines dreimonatigen Aufenthalts auf Sachalin hat Tschechow den Alltag der Einwohner und Sträflinge hautnah erlebt und dokumentiert. Er besuchte Gefängnisse, arbeitete als Arzt, Forscher, Soziologe und führte sogar eine Volkszählung durch. Seine Eindrücke verarbeitete er in seinem Buch "Insel Sachalin".

Anfang der 90er Jahre gehörte Tschechow zu den meistgelesenen Autoren Russland. Seine Erzählungen erschienen regelmäßig in guten Zeitschriften und wurden als Sammelwerke mehrmals verlegt. Seine Theaterstücke liefen auf den besten Bühnen von Moskau und St. Petersburg.

1892 kaufte Tschechow ein Haus in Melichowo, einem Dorf unweit von Moskau. Hier lebte er zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern. In Melichowo schrieb Tschechow einige seiner bekannten Werke, darunter die Dramen "Die Möwe", "Onkel Wanja" sowie Erzählungen "Der schwarze Mönch", "Krankensaal Nr. 6", "Der Mann im Futteral", "Ein flatterhaftes Wesen " und andere.

In diesen Jahren war Tschechow nicht nur als Schriftsteller produktiv, sondern engagierte sich auch sozial. Er errichtete Schulen für Bauernkinder, baute einen Feuerwehrpunkt, beteiligte sich am Straßenbau, organisierte Baumpflanzaktionen, eröffnete eine Arztpraxis, in der er kostenlos die Einwohner anliegender Dörfer behandelte, und kämpfte gegen die Cholera-Epidemie von 1892-1893.

Anton Tschechow war überhaupt sehr aktiv und konnte nicht untätig herumsitzen. Er fuhr öfter nach Moskau und St. Petersburg, traf sich mit Schriftstellern und Künstlern, ging ins Theater oder nahm an offiziellen Veranstaltungen teil. 1895 traf Tschechow Leo Tolstoi in Jasnaja Poljana, der ihm aus seinem Roman "Auferstehung" vorlas. Seitdem blieben die beiden Schriftsteller im Kontakt. Später besuchte Tolstoi den kranken Tschechow im Krankenhaus und in Jalta.

Denn bereits seit seiner Jugend litt Tschechow an Tuberkulose. Im Frühjahr 1897 verschlechterte sich sein Zustand so sehr, dass er mit einer inneren Blutung in ein Krankenhaus in Moskau eingeliefert wurde. Auf dringenden Rat der Ärzte fuhr er in den Süden und blieb eine Weile in Nizza. Nach einem kurzen Aufenthalt in Melichowo, ging Tschechow im Winter 1898 nach Jalta auf die Krim. Hier baute er ein Haus und legte einen schönen Garten an. Selbst schwer krank, kümmerte er sich noch intensiv um andere Tuberkulosekranke, die sich keinen Arzt leisten konnten.

Doch immer wieder zog es Tschechow nach Moskau und St. Petersburg in das lebhafte Kultur- und Theaterleben. Hier lernte er 1898 die bekannte Schauspielerin Olga Knipper kennen, die Hauptrollen auch in seinen Theaterstücken spielte. Im Mai 1901 heirateten die beiden.

Wegen seiner Gesundheit lebte Tschechow seit 1901 in Jalta, monatelang getrennt von seiner Frau, die in Moskau immer noch als Schauspielerin Erfolge feierte. Doch ihre Briefe zeigen, dass die beiden sich sehr liebten, gegenseitig respektierten und an der Trennung litten. In Jalta schrieb Tschechow unter anderem das Schauspiel "Drei Schwestern" und sein letztes Drama "Der Kirschgarten".

Im Frühjahr 1904 verschlechterte sich Tschechows Zustand wieder. Begleitet von Olga Knipper fuhr er nach Deutschland zum Heilkurort Badenweiler. Doch die Krankheit war bereits zu sehr fortgeschritten, so dass hier am 15. Juli 1904 starb. Begraben wurde Anton Tschechow in Moskau.

Mittwoch, 3. März 2010

Das Gänseblümchen

Foto: Julia Brey (pixelio)

Foto: Stephan Erdmann (pixelio)

Nun hör einmal zu!

Draußen auf dem Lande, dicht am Weg, lag ein Landhaus; du hast es gewiss selbst einmal gesehen. Davor ist ein kleiner Garten mit Blumen und einem Staketenzaun, der gestrichen ist. Dicht dabei am Graben, mitten in dem schönsten grünen Gras, wuchs ein Gänseblümchen; die Sonne beschien es ebenso warm und schön wie die großen herrlichen Prachtblumen im Garten, und deshalb wuchs es von Stunde zu Stunde. Eines Morgens stand es mit seinen kleinen, leuchtendweißen Blättern, die wie Strahlen rings um die kleine gelbe Sonne in der Mitte sitzen, ganz entfaltet da. Es dachte gar nicht daran, dass es kein Mensch dort im Gras sähe und dass es ein armes, verachtetes Blümchen sei; nein, es war so vergnügt, es wandte sich der warmen Sonne gerade entgegen, sah zu ihr auf und horchte auf die Lerche, die in der Luft sang.

Das Gänseblümchen war so glücklich, als ob es ein großer Festtag wäre, und es war doch nur ein Montag. Alle Kinder waren in der Schule; während sie auf ihren Bänken saßen und etwas lernten, saß es auf seinem kleinen grünen Stiel und lernte auch von der warmen Sonne und allem ringsumher, wie gut Gott ist; und es gefiel ihm recht, dass die kleine Lerche alles, was es in der Stille fühlte, so deutlich und schön sang. Und das Gänseblümchen sah mit einer Art Ehrfurcht zu dem glücklichen Vogel auf, der singen und fliegen konnte, aber es war gar nicht betrübt, dass es das selbst nicht konnte. „Ich sehe und höre ja! „ dachte es, „die Sonne bescheint mich, und der Wind küsst mich! Oh, wie reich bin ich doch beschenkt worden! „

Innerhalb des Staketenzaunes standen so viele steife, vornehme Blumen, je weniger Duft sie hatten, umso mehr prunkten sie. Die Päonien bliesen sich auf, um größer als eine Rose zu sein; aber die Größe allein macht es nicht! Die Tulpen hatten die allerschönsten Farben, und das wussten sie wohl und hielten sich kerzengerade, damit man sie besser sehen möchte. Sie beachteten das Gänseblümchen da draußen gar nicht, aber das sah desto mehr nach ihnen und dachte: „Wie sind sie reich und schön! Ja, zu ihnen fliegt gewiss der prächtige Vogel und besucht sie! Gott sei Dank, dass ich so nahe dabeistehe, so kann ich doch die Pracht auch sehen! „ Und gerade als es das dachte, quivit! da kam die Lerche geflogen, aber nicht zu den Päonien und Tulpen – nein, ins Gras zu dem armen Gänseblümchen. Es erschrak vor lauter Freude, dass es gar nicht wusste, was es denken sollte.

Der kleine Vogel tanzte rings um das Gänseblümchen herum und sang: „Nein, wie weich ist doch das Gras! Und sieh, welch ein süßes Blümchen mit Gold im Herzen und Silber auf dem Kleid! „ Der gelbe Punkt im Gänseblümchen sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Blätter ringsherum waren glänzend weiß.

Wie glücklich das Gänseblümchen war – nein, das kann niemand begreifen! Der Vogel küsste es mit seinem Schnabel, sang ihm vor und flog dann wieder in die blaue Luft hinauf. Es dauerte sicher eine ganze Viertelstunde, bevor das Blümchen sich erholen konnte. Halb verschämt und doch innig erfreut sah es nach den anderen Blumen im Garten. Sie hatten ja die Ehre und Glückseligkeit gesehen, die ihm widerfahren war, sie mussten ja begreifen, welche Freude es war. Aber die Tulpen standen noch einmal so steif wie vorher, und dann waren sie so spitz im Gesicht und so rot, denn sie hatten sich geärgert. Die Päonien waren ganz dickköpfig, buh! es war gut, dass sie nicht sprechen konnten, sonst hätte das Gänseblümchen eine ordentliche Zurechtweisung bekommen. Das arme Blümchen konnte wohl sehen, dass sie nicht bei guter Laune waren, und das tat ihm herzlich leid. Zur selben Zeit kam ein Mädchen mit einem großen scharfen und glänzenden Messer in den Garten; es ging gerade zu den Tulpen und schnitt eine nach der andern ab. „Uh! „ seufzte das Gänseblümchen, „das ist ja schrecklich; nun ist es vorbei mit ihnen! „ Dann ging das Mädchen mit den Tulpen fort. Das Gänseblümchen war froh darüber, dass es draußen im Gras stand und ein kleines, armes Blümchen war. Es fühlte sich so dankbar, und als die Sonne unterging, faltete es seine Blätter, schlief ein und träumte die ganze Nacht von der Sonne und dem kleinen Vogel.

Am nächsten Morgen, als das Blümchen wieder glücklich all seine weißen Blätter wie kleine Arme gegen Luft und Licht ausstreckte, erkannte es die Stimme des Vogels, aber es war so traurig, was er sang. Ja, die arme Lerche hatte guten Grund dazu, sie war gefangen worden und saß nun in einem Bauer, dicht am offenen Fenster. Sie sang davon, frei und glücklich umherzufliegen, sang von dem jungen, grünen Korn auf dem Feld und von der herrlichen Reise, die sie mit ihren Flügeln hoch in die Luft hinauf machen konnte. Der arme Vogel war nicht bei guter Laune, gefangen saß er da im Bauer.

Das Gänseblümchen wollte so gern helfen, aber wie sollte es das anfangen? Ja, das war schwer zu finden. Es vergaß ganz und gar, wie schön alles ringsumher stand, wie warm die Sonne schien und wie prächtig weiß seine Blätter aussahen. Ach, es konnte nur an den gefangenen Vogel denken, für den es gar nichts tun konnte.

Dar kamen zwei kleine Knaben aus dem Garten, der eine trug ein Messer in der Hand, groß und scharf wie das, welches das Mädchen hatte, um die Tulpen abzuschneiden. Sie gingen gerade auf das Gänseblümchen zu, dass gar nicht begreifen konnte, was sie wollten.

„Hier können wir ein herrliches Rasenstück für die Lerche ausschneiden! „ sagte der eine Knabe und begann ein Viereck einzuschneiden, so dass das Gänseblümchen mitten in dem Rasenstück stand.

„Reiß das Blümchen ab! „ sagte der andere Knabe, und das Gänseblümchen zitterte vor Angst, denn abgerissen zu werden hieße ja das Leben verlieren; und nun wollte es so gern leben, weil es mit dem Rasenstück zu der gefangenen Lerche in das Bauer sollte. „Nein, lass es stehen! „ sagte der andere Knabe, „es schmückt so hübsch! „ Und so blieb es stehen und kam mit in das Bauer zur Lerche.

Aber der arme Vogel klagte laut über seine verlorene Freiheit und schlug mit den Flügeln gegen den Eisendraht im Bauer. Das Gänseblümchen konnte nicht sprechen, kein tröstendes Wort sagen, so gern es auch wollte.

So verging der ganze Vormittag.

„Hier ist kein Wasser! „ sagte die gefangene Lerche. „Sie sind alle ausgegangen und haben vergessen, mir einen Tropfen zu trinken zu geben. Mein Hals ist trocken und brennt! Es ist wie Feuer und Frost in mir, und die Luft ist so schwer! Ach, ich muss sterben, scheiden vom warmen Sonnenschein, vom frischen Grün, von all der Herrlichkeit, die Gott geschaffen hat! „ Und dann bohrte sie ihren kleinen Schnabel in das kühle Rasenstück, um sich daran ein wenig zu erfrischen. Da fiel ihr Blick auf das Gänseblümchen, und der Vogel nickte ihm zu, küsste es mit dem Schnabel und sagte: „Du musst hier drinnen auch vertrocknen, du armes Blümchen! Dich und den kleinen Flecken mit grünem Gras hat man mir für die ganze Welt gegeben, die ich draußen hatte! Jeder kleine Grashalm soll mir ein grüner Baum, jedes deiner weißen Blätter eine duftende Blume sein! Ach, ihr erzählt mir nur, wie viel ich verloren habe! „

„Wer sie doch trösten könnte!“ dachte das Gänseblümchen, aber es konnte kein Blatt bewegen; doch der Duft, der den feinen Blättern entströmte, war viel stärker, als man ihn sonst bei diesen Blümchen findet. Das bemerkte der Vogel auch, und obwohl er vor Durst verschmachtete und in seinem Schmerz die grünen Grashalme abriss, rührte er doch das Blümchen nicht an.

Es wurde Abend, und noch kam niemand, der dem armen Vogel einen Wassertropfen brachte. Da streckte er seine hübschen Flügel aus und schüttelte sie krampfhaft, sein Gesang war ein wehmütiges Piep-piep, der kleine Kopf neigte sich dem Blümchen entgegen, und des Vogels Herz brach aus Mangel und Sehnsucht. Da konnte das Blümchen nicht wie am Abend vorher seine Blätter zusammenfalten und schlafen, es hing krank und traurig zur Erde nieder.

Erst am nächsten Morgen kamen die Knaben, und als sie den Vogel tot erblickten, weinten sie, weinten viele Tränen und gruben ihm ein niedliches Grab, das mit Blumenblättern geschmückt wurde. Die Leiche des Vogels kam in eine schöne rote Schachtel; königlich sollte er bestattet werden, der arme Vogel! Als er lebte und sang, vergaßen sie ihn, ließen ihn im Bauer sitzen und Mangel leiden; nun bekam er Schmuck und viele Tränen.

Aber das Rasenstück mit dem Gänseblümchen wurde in den Staub der Landstraße hinausgeworfen. Keiner dachte an das Gänseblümchen, das doch am meisten für den kleinen Vogel gefühlt hatte und das ihn so gern trösten wollte.

(Hans Christian Andersen)

Donnerstag, 25. Februar 2010

Erinnern und Vergessen

Veilchenstimmung: Die Luft ist gebläut.
Und violette Schatten
Vertiefen das Grün zwischen gestern und heut.
Was wir vergessen hatten,
Erinnert sich in uns. Es zieht
Vom Bein bis in die Mitte
Des Leibes als ein Lied
und ändert unsre Schritte.
Vom Duft fang ich erst gar nicht an:
Erinnern und Vergessen.
Duft, den man nicht beschreiben kann.
An keinem Duft zu messen,
der sommers kommt. Nur mit der Schnur
Aus Amselsang zu binden
Und, folgend der gesungnen Spur,
Am Bachabhang zu finden.

(Eva Strittmatter)

Foto: kalos zauberbuch

Mittwoch, 6. Januar 2010

Sofonisba Anguissola

Drei Schwestern beim Schachspiel

Sofonisba Anguissola wurde wahrscheinlich 1532 in Cremona geboren und war eines von sieben Kindern, sechs Mädchen und einem Jungen. Alle wurden von ihrem aufgeklärten Vater, einem Leder- und Seidenhändler, im Geist der Renaissance erzogen. Zwei seiner Töchter schickte der Vater gar zu einer dreijährigen Ausbildung bei dem bekannten Maler Bernadino Campi.

Drei Kinder mit Hund

Die fortschrittliche Einstellung ihres Vaters und des bekannten Malers trugen dazu bei, dass eine malerische Ausbildung für Frauen künftig akzeptiert wurde. Trotzdem erlaubte man dem weiblichen Geschlecht nicht, zur Ausbildung in eine Werkstatt zu gehen und dort Seite an Seite mit den Männern zu arbeiten. Außerdem waren die Frauen in der Wahl ihres Sujets eingeschränkt. Männliche Akte beispielsweise waren nicht erlaubt.

Sofonisba spezialisierte sich also auf die Porträtmalerei: Ihr Talent zeigte sich in einem frühen Doppelporträt mit dem Titel "Bernadino Campi malt Sofonisba Anguissola".

Anguissolas einzigartiger Stil war auch von historischem Einfluss. Zum einen durchbrach sie die rigide Konventionalität der Porträtkunst, zum anderen sorgte ihr einfühlsamer Blick für eine verblüffende Ähnlichkeit des Porträts mit dem Modell. In ihren zahllosen Selbstporträts hebt sie hingegen ganz zeitgemäß Bescheidenheit und Tugend hervor.

Anguissolas Talent machte sie in ganz Europa bekannt. Künstler wie Michelangelo oder van Dyck besuchten sie zu Beginn (1554) bzw. am Ende (1623) ihrer Karriere.

Dazwischen war sie vom spanischen König Philipp II. zur Hofmalerin ernannt worden und Hofdame zweier Königinnen.

Isabella de Valois

Bezahlt wurde sie übrigens als Hofdame. Ihr Stand als Adlige verbot ihr, ihre Werke zu verkaufen, und so verschenkte sie dieses stets.

1625 starb sie in Palermo.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Prinzessin Svanvithe

Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz (Städtchen auf Rügen), wo jetzt der Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin standen, verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei der alte König des Schlosses, und er habe eine goldene Krone auf.

Daß es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub' ich aber nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten? Aber das Klingen und Läuten im See ist gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit aufgelösten Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte.

In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloss von den Christen belagert wurde und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie auch nichts Rechtes mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte. Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht mehr gut hören und sehen konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Gold und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reich gesammelt hatten und die tief unter der Erde in einem schönen, aus Marmorsteinen und Kristallen gebauten Saal verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, viel größer als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschüttet sind.

Als nun das Schloss zu Garz von den Christen in der Belagerung so bedrängt und viele der tapfersten Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streit auf den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht vermauern lassen; er aber wusste noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das Schloss, und der jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wusste als er, und wo er hinausschlüpfte und sich draußen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den Christen erobert und zerstört wurde und die Männer und Frauen im Schloß getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern übereinander, und die Tür der Goldkammer wurde gar verschüttet; auch blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine Schätze gehabt hatte.

Der alte König aber saß drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloss zerstört war; denn sie sagen, die Menschen, die sich zu sehr an Silber und Gold hängen, können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue Mann noch viele, viele Jahre und musste sein Gold bewachen, bis er ganz dürr und trocken war wie ein Totengerippe. Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer umgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holz am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so rundlaufen muß, wenn andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, weil er so geizig gewesen ist.

Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit. Es kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die schöne Prinzessin warben. Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich kaum zu helfen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und ihre Knappen und Staller ihre Pferde getan hätten; auch gebrach es fast an Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit ihnen kamen, und Rügen war so voll von Menschen, wie es nie gewesen seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier weggereist wären. Das lässt sich aber bei den Königen nicht so leicht machen als bei anderen Leuten, da muß alles mit viel Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen.

Die Prinzessin, nachdem sie wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er ihn gern als Eidam wollte. Sie hatten einander Ringe geschenkt, und war große Freude im ganzen Land, daß die schöne Svanvithe Hochzeit halten sollte, und es hatten alle Schneider und Schuster viel zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und Svanvithes Bräutigam hieß Peter von Dänemark und war ein über die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß wenige seinesgleichen gesehen wurden.

Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünte und blühte und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säte sein Unkraut aus, und die Luft wurde in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich an des Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde. Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemark zum Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Überredungskünste so anzustellen, daß der König und viele Menschen glaubten, Svanvithe sei keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich ab; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Könige und Prinzen reisten ab. Und das Schloß des Königs in Bergen stand wüst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiß unschuldig und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleib kommt, und es war nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, den sie als Freier verschmäht hatte.

So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige Tage nach diesen Begebenheiten wie von Sinnen und wußte nichts von sich, und ihm war so zumute, daß er sich ein Leid hätte antun können von wegen seiner Tochter und wegen des Schimpfes, den sie auf das ganze königliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, in die er geraten war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr Haar und stieß sie dann von sich. Er befahl seinen Dienern, daß sie sie hinausführten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter seinem Schlosse einen düsteren Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond hinein schien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein einziges kleines Loch in der Tür, bei dem ein wenig Licht hineinfiel und wo der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf harter Erde mußte die liegen, die sonst auf Samt und Seide geschlafen hatte, und barfuß mußte die gehen, die sonst in goldenen Schuhen geprangt hatte.

Und Svanvithe hätte sterben müssen vor Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn sie nicht zu Gott hätte beten können. Sie aber war ein sehr junges Mädchen, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die sie lieb hatten, nannten sie nicht anders als des Königs Lilienstengelein.

Und dieses süße Lilienstengelein sollte so jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.

Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte, sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre. Sie aber saß von der Welt verborgen in ihrem Elende und tröstete sich allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem Königsschatz unter dem Garzer Wall, die sie in ihrer Kindheit oft gehört hatte, und sie beschloß, damit ihre Unschuld, und daß der polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Wächter kam und ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte Gunst nicht versagen mag."

Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte König ihre Bitte nur erhörte!" Denn es erbarmte ihn die arme Prinzessin unaussprechlich, und sie erbarmte alle Menschen; denn sie war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich beschuldigt wurde und daß der polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor jedermann.

Und als der Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der Prinzessin überbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn und drohte ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis er zuletzt befohlen hat, dass man sie aus dem Turm heraufbrächte und vor ihn führte.

Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und also zu ihm gesprochen:

"Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich beteuere aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß der polnische Prinz aus Tücke und Arglist all den schlimmen Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich meiner erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weißt, es geht die Sage, unter dem alten Schlosswall zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen einst gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt wurde, meldet ferner, dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu der Schatzkammer hinabführen. Sobald sie diese mit ihren Füßen berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft heruntersinken mitten in das Gold und könne sich von den Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein."

Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzte und weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der sie hereingeführt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach. Und nicht lange, so wurde der Wächter wieder zu dem Könige gerufen, und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärke und erquicke, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die erbetene mitternächtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn sie war fast nackt.

Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat - auch den Dienern und Dienerinnen war das Sprechen mit ihr verboten, sie wußten auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn von denen, die sie kannten, wurde niemand zu ihr gelassen als allein der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und ihre Schönheit fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, erstaunten über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie schien ihnen fast einem Engel gleich, der vom Himmel gleich.

Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, da ging sie zum König und sagte ihm Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal seinen weißen Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten hätte, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher.

In der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat.

Sie besah sich alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde. Svanvithe aber säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommernacht ist, und sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und die lange Reihe bewegte sich, und die Prinzessin schritt voran der Treppe zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und schon hatte sie viele Stufen erstiegen und sah schon das dämmernde Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenschrei, die den Tag verkündeten - da ward es ihr bange, ob die Diener und Dienerinnen ihr auch nachfolgten mit den Schätzen. Und sie sah sich um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit, feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinauf sprang. Und sie entsetzte sich sehr und rief: "Oh herrje!" Da schlug die Tür über ihr mit lautem Knall zu, und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am Boden und konnte nicht heraus.

Der alte König aber, da sie nicht wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und wurde begraben.

Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt, wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß.

Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten, längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die Schätze hüten helfen. Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern dringen können.

Und es war viel erschollen von der Geschichte und von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muß sich dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand fassen und sie still herausführen; denn kein Wort darf er beileibe nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm, und werden gar liebliche Kinder bekommen; der kleine graue Spuk wird dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weg genommen haben. Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes Ding wäre, wie viele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu freien und Könige zu werden! Die Leute erzählen aber, der greuliche schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und dann schlägt die Tür zu, und die Treppe versinkt, und alles ist wieder vorbei.

So sitzt denn die arme Svanvithe da in all ihrer Unschuld und muß da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Man sagt, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergeselle, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junger, hübscher Bursche und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit einem Mal verschwunden, und keiner hat gewußt, wohin er gekommen war. Seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl da sitzen bei den anderen.

(Ernst Moritz Arndt, Märchen)